Volksprofessor Richard Wossidlo

Auf dem alten Ribnitzer Friedhof befindet sich das Grab des bekannten Volkskundlers Richard Wossidlo. Auf seinem Grabstein, einem großen Findling, lesen wir die Inschrift

Richard Wossidlo
Mecklenburgs Volksprofessor
1859—1939

 

Wer war der mecklenburgische Volksprofessor?

Richard Wossidlo wurde am 26. Januar 1859 in Friedrichshof bei Tessin als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Sein Vater verstarb sehr früh. Wossidlos Mutter verkaufte das Gut und zog nach Bützow. Dort besuchte Richard Wossidlo die städtische Schule und später die höhere Schule in Rostock. Er interessierte sich besonders für Sprachen. Dann studierte er an den Universitäten Rostock, Leipzig und Berlin klassische Philologie mit dem Wunsch, später einmal Dozent an einer Hochschule zu werden. Er legte dann aber das Lehrerexamen für die Oberschule in den Fächern Griechisch und Latein ab und wurde nach einem Probejahr in Wismar Lehrer am Gymnasium in Waren an der Müritz. Hier war er dann 36 Jahre lang tätig und unterrichtete die alten Sprachen.

1924 wurde er pensioniert.

Ein ganz ,,normales“ Lehrerleben, könnte man meinen. Aber Richard Wossidlo zählte schon zu Lebzeiten zu den bekanntesten Persönlichkeiten in Mecklenburg. Was aber ließ Wossidlo so berühmt werden? Wie kam Richard Wossidlo zu dem ehrenvollen Namen ,,Volksprofessor“? Neben seiner Schularbeit hat Richard Wossidlo  -  ähnlich wie die Gebrüder Grimm  -  Sagen, Märchen, Schwänke und andere Volksüberlieferungen seiner mecklenburgischen Heimat gesammelt und aufgeschrieben!

Es gibt wohl kaum ein Dorf in Mecklenburg, das Wossidlo auf seinen Sammelreisen nicht besucht hat. Er unterhielt sich besonders mit den einfachen Leuten, er schrieb all die Märchen, Sagen, Schwänke und andere Volksüberlieferungen auf, die früher beim gemeinsamen Arbeiten, bei Festlichkeiten und anderen Gelegenheiten erzählt wurden. Bauern, Knechte, Tagelöhner, Handwerker und Matrosen waren seine Gewährsleute. Ihre und ihrer Vorfahren Kultur finden wir in den Volksüberlieferungen. All das Gehörte schrieb Wossidlo auf kleine Handzettel, die er in seiner Warener Wohnung in wohlgeordneten Zettelkästen verwahrte. In seiner Sammlung lagen etwa zwei Millionen handgeschriebene Zettel, ein riesiger Schatz an Volksüberlieferungen. Die Sammlung enthält daneben aber auch viele Aufzeichnungen, die einen Einblick in die Lebensweise und die Arbeitswelt vermitteln. Auch über Feste, Sitten und Gebräuche und über andere Bereiche der Lebensweise und Kultur findet man viele Mitteilungen.

Aus diesem großen Schatz konnte Wossidlo zu seinen Lebzeiten vier Bände mit Volksüberlieferungen und zwei Bände mit Sagen herausgeben. Nach seinem Tode wurde Wossidlos Sammlung im Wossidlo-Archiv in Rostock bewahrt. Bekannte Volkskundler haben die Wossidlosche Sammlung ausgewertet und zahlreiche Veröffentlichungen daraus zusammengestellt. In jahrzehntelanger Arbeit entstand aus Wossidlos Material das ,,Mecklenburgische Wörterbuch“.

Richard Wossidlo wirkte viele Jahre als Lehrer in Waren an der Müritz. Mit Ribnitz fühlte sich Wossidlo sehr verbunden. Seine Schwester war mit dem Ribnitzer Kaufmann Range verheiratet, und seine Mutter verbrachte ihren Lebensabend bei ihrer Tochter. Wossidlo besuchte sehr oft seine Ribnitzer Verwandten. Er quartierte sich hier auch ein, wenn er seine Sammelreisen zum Fischland und in die Dörfer an der Rostocker Heide unternahm.

Als Wossidlo 1939 starb, wurde er an der Seite seiner Mutter auf dem alten Friedhof in Ribnitz zur letzten Ruhe gebettet.

Die Stadt Ribnitz-Damgarten ehrte ihn, als eine Straße seinen Namen erhielt. Wir haben auch ein ,,Richard Wossidlo-Gymnasium“ und eine ,,Wossidlo-Buchhandlung. Und in Körkwitz steht eine ,,Wossidlo-Linde“.

Das Mecklenburg - Pommeraner Folkloreensemble fühlt sich dem Namen Wossidlo und seinem Werk verpflichtet.

Am 21.12.1985 wurde dem Ensemble der Name ,,Richard Wossidlo‘ verliehen.

 

Richard Wossidlo

1859, 26.1.

geboren in Friedrichshof bei Tessin

1876

Studium an den Universitäten Rostock, Berlin und Leipzig

1883, Juni

Oberlehrerprüfung in Rostock Beginn der Aufzeichnungen aus dem Volksmund

1886, Ostern

Lehrer am Gymnasium in Waren, das von nun an sein Wohnsitz bleibt

1886 ff.

Erste planmäßige Sammelreisen

1897

,,Rätsel“ als 1. Band der Mecklenburgischen Volksüberlieferungen (MVU)

1899

,,Die Tiere im Munde des Volkes“ als 2. Band der MVU

1900

Beginn der Sachgütersammlung

1906

,,Kinderwartung und Kinderzucht“ als 3. Band der MVU Ernennung zum Dr. phil. h.c. durch die Universität Rostock

1923

Pensionierung mit dem Titel eines Gymnasialprofessors

1925 ff.

Verstärkte Arbeit am Mecklenburgischen Wörterbuch im Zusammenwirken mit Hermann Teuchert

1931

,,Kinderreime“ als 4. Band der MVU

1939

,,Mecklenburgische Volkssagen“ in 2 Bänden

1939, 4.5.

In Waren gestorben, bestattet auf dem alten Friedhof in Ribnitz